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„Quando le tue gambe sono stanche, cammina con il cuore…“ so lautet ein italienisches Sprichwort über den Jakobsweg nach Santiago de Compostela in Spanien und bedeutet soviel wie „Wenn deine Füße müde sind, so wandert dein Herz für sie weiter…“. Ein wahres Sprichwort, wie ich mich selbst vor einiger Zeit überzeugen durfte.

Ja, es ist nicht nur ein Gerücht, es sind Strapazen, die man sich antut, wenn man sich entscheidet, den gut 800 km langen Camino vom französischen Saint-Jean-de-Pied-de-Port bis nach Galizien zur Kathedrale von Santiago de Compostela zu bestreiten.20141128174901

 

Das Problem dabei waren für mich nicht die 800 km, sondern die Tatsache, dass man (wirklich) JEDEN Tag eine Strecke von 30-40 km zurücklegt. Ich hatte zwar einen Monat lang vorher trainiert, doch meine sportliche, sagen wir mal vorteilhaft, Bequemlichkeit ließ mich meine Muskeln und Knochen bereits nach ein paar Tagen spüren. Bereits nach einer Woche war mir nach einem Tagesmarsch von 35 km abends klar, morgen bewege ich mich keinen Meter. Dieser Gedanke sollte sich noch sehr oft wiederholen. Aber irgendwie, fragt mich nicht warum, schafft man es dann doch wieder jeden Tag aufzustehen, seinen immer schwerer werdenden Rucksack zu schnappen und sich aufzumachen auf eine neue Tagesetappe und zu neuen Erfahrungen.

Sonnenuntergang Kap Fisterre

Sonnenuntergang Kap Fisterre

Warum tut man sich das Ganze an? Warum trotzt man dem Körper ein Monat lang, der jeden Tag um Hilfe schreit? Warum gibt man Blasen, die so groß sind wie Tennisbälle, nicht mehr so wirklich Aufmerksamkeit und betrachtet sie als seine ständigen Begleiter? Ich weiß es nicht. Vielleicht hat dieser Weg diese mythische Kraft, die ihm nachgesagt wird. Es gibt verschiedenste Gründe, den Weg zu gehen. Manche möchten einfach mal ausbrechen, was Anderes tun, an seine Grenzen gehen. Andere machen es aus rein sportlicher Sicht, wieder Andere möchten einfach nur neue Menschen kennen lernen. Einige Tage begleitete mich eine junge Japanerin, die ihren Brustkrebs besiegt hatte und seitdem jedes Jahr den Jakobsweg aus Dankbarkeit geht.

Habe mich mit vielen Menschen unterhalten und gerade bei jungen Leuten war die Motivation oft jene, dass sie nicht recht wussten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten. Sie suchten nach einem Sinn in ihrem Leben und oft fiel dabei die Aussage, dass sie sich wohl selbst finden wollten. Ich habe mit diesem Satz immer so meine Probleme, denn ich bin skeptisch, ob sie überhaupt wussten, von was sie sprachen, was die Selbstfindung überhaupt ist, oder ob sie den Satz nur aus den Reiseberichten des Weges im Internet mitgenommen hatten.

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Der Jakobsweg ist kein Allheilmittel, es ist ein mythischer Weg, keine Frage, ein Weg mit vielen Abenteuern und vor allem mit der Möglichkeit nach vielen neuen Bekanntschaften. Aber zum Thema „sich selbst finden“ gehört schon etwas mehr dazu. Man hat ganz viel Zeit nachzudenken, ist alleine, wenn man allein sein möchte und ist in Gesellschaft, wenn man dies möchte. Man kann viel über sich lernen, jedoch muss man das Erlernte dann auch im wahren Leben umsetzen. Daran scheitern viele.

Was den Weg aber meines Erachtens nach ausmacht, ist die Tatsache, etwas Großes geschafft zu haben, gekämpft und gesiegt zu haben. Niemals Aufgegeben zu haben, obwohl sich der Gedanke ständig zwischen den Gehirnsynapsen und dem schmerzenden Knie hin und her bewegt. Dein Selbstbewusstsein dankt es dir!

Bin manchmal gefragt worden, ob man den Camino alleine oder in der Gruppe gehen sollte. Beides hat seine Daseinsberechtigung und kommt natürlich auf die Beweggründe drauf an, ich glaube jedoch, dass der Weg sehr viel mehr bietet, wenn man ihn alleine geht. Man ist auf sich allein gestellt und man entwickelt eine noch stärkere Kraft, Ausdauer und Befinden zu sich selbst.

Mit einer Ausnahme, ein Mythos des Caminos besagt, wenn man den Weg mit seiner Partnerin oder seinem Partner geht und ihn zusammen schafft, dann bleibt man ein Paar, sein Leben lang. Ein paar kleine Haken gibt es aber, erstens bringt man manche Frauen (okee, auch manche Männer 😉 ) nur schwer dazu, 800 km zu Fuß zu gehen, wenn man das aber geschafft hat, dann kommt die wirkliche Herausforderung.  Die ständigen Strapazen wirken auch auf die Laune und Stimmung. Wer dann die ständigen Nörgeleien und Streitereien  des Partners ein Monat lang für über 800 km aushält und sie dann in Santiago noch ein Paar sind, dann haben sie es verdient, ein Paar zu sein… eben für ein Leben lang… 🙂

…auf jeden Fall ein Abenteuer der besonderen Art und sehr empfehlenswert…

….Andersmond

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